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Altersvorsorge verstehen: Wissen für mündige Entscheidungen

Alle Grundlagen an einer Stelle, in einfacher Sprache und klar strukturiert. Speziell aufbereitet für die Situation: Ärztin, 59 Jahre, 6 Kinder, Teilzeitphasen, 850.000 € liquides Vermögen.

Kindererziehungszeiten und Mütterrente: Der größte Hebel bei 6 Kindern

Für Mütter mit vielen Kindern sind Kindererziehungszeiten (KEZ) oft der wichtigste Einzelposten in der Rentenberechnung. Bei 6 Kindern (geboren nach 1992) stehen bis zu 18 Entgeltpunkte allein aus Erziehungszeiten zur Verfügung – das entspricht ca. 734 € Brutto-Rente pro Monat (Stand Rentenwert 2025: 40,79 €).

So werden KEZ angerechnet

  • Kinder ab 1992: Je Kind werden 3 Jahre Kindererziehungszeit anerkannt (Mütterrente II). Das ergibt pro Kind ca. 3 Entgeltpunkte.
  • 6 Kinder × 3 EP = bis zu 18 EP allein für Erziehungszeiten.
  • Berücksichtigungszeiten (bis 10. Lebensjahr) verlängern zusätzlich die Wartezeit, wirken sich aber nicht direkt auf EP aus.
  • Überlappung: Bei zeitgleicher Erziehung mehrerer Kinder werden die Zeiten addiert, nicht verschluckt – ein häufiges Missverständnis.
  • Achtung: Ohne Kontenklärung sind diese Zeiten oft nicht korrekt erfasst. Deshalb ist die Klärung bei der DRV dringend. → DRV eService öffnen

Rechenbeispiel für Ihre Situation

Kindererziehungszeiten (6 × 3 EP)≈ 18 EP
Eigene Erwerbstätigkeit (Teilzeit, geschätzt)≈ 3–8 EP
Geschätzter Gesamtstand≈ 21–26 EP
Bruttorente/Monat (bei 23 EP × 40,79 €)≈ 938 €
Nettorente (nach KV + Steuer, geschätzt)≈ 780–850 €

Wichtig: Diese Zahlen sind Schätzwerte. Die tatsächliche Höhe ergibt sich erst nach abgeschlossener Kontenklärung.

Was Sie jetzt tun sollten

  1. Kontenklärung bei der DRV beantragen – Formular V0100 oder online über eService der DRV.
  2. Alle 6 Geburtsurkunden bereithalten und die Erziehungszeiten explizit benennen.
  3. Teilzeitphasen dokumentieren – auch kurze Beschäftigungen zählen für Wartezeit und EP.
  4. Versorgungswerk-Ansprüche separat prüfen – als Ärztin besteht oft ein Anspruch beim ärztlichen Versorgungswerk (siehe unten).

NEU ab 2027: Mütterrente III – was ändert sich?

Am 1. Januar 2027 tritt die sogenannte Mütterrente III in Kraft. Sie bringt eine weitere Verbesserung bei den Kindererziehungszeiten für vor 1992 geborene Kinder. Die Auszahlung erfolgt voraussichtlich ab 2028.

Entwicklung der Mütterrente

Regelung KEZ-Jahre (vor 1992) EP pro Kind
Vor 20141 Jahr~1 EP
Mütterrente I (2014)2 Jahre~2 EP
Mütterrente II (2019)2,5 Jahre~2,5 EP
Mütterrente III (2027)3 Jahre~3 EP

Damit sind Kinder vor und nach 1992 bei den KEZ endlich gleichgestellt (jeweils 3 Jahre).

Was bedeutet das konkret?

  • Pro Kind (vor 1992): +0,5 EP zusätzlich (von 2,5 auf 3 EP).
  • +0,5 EP ≈ +20,40 € Bruttorente/Monat pro Kind (Rentenwert 40,79 €).
  • Kein Antrag nötig – die Anrechnung erfolgt automatisch durch die DRV.
  • Die Auszahlung startet erst ab 2028, auch wenn das Gesetz 2027 in Kraft tritt.
  • Keine Anrechnung auf Grundsicherung – die zusätzliche Rente wird nicht auf andere Sozialleistungen angerechnet.

Rechenbeispiel: Mütterrente III bei Ihnen (6 Kinder vor 1992)

Zusätzliche EP durch Mütterrente III6 × 0,5 = +3,0 EP
Zusätzliche Bruttorente/Monat3,0 × 40,79 € = +122,37 €
Zusätzliche Nettorente/Monat (nach KV + Steuer, ca.)≈ +100–110 €

Hinweis: Falls alle 6 Kinder nach 1992 geboren wurden, hatten Sie bereits die vollen 3 EP/Kind und die Mütterrente III bringt keine weitere Veränderung. Bei einem Mix (einige Kinder vor und nach 1992) profitieren nur die vor 1992 geborenen Kinder.

Quelle: → DRV: Mütterrente III – Fragen und Antworten

Ärztliches Versorgungswerk: Ihre zweite Rentensäule

Als Ärztin sind Sie typischerweise Mitglied eines berufsständischen Versorgungswerks. Diese Rente kommt zusätzlich zur gesetzlichen Rente und ist oft der größte Einzelposten im Ruhestandseinkommen – auch bei Teilzeittätigkeit.

Warum das Versorgungswerk so wichtig ist

  • Befreiung von der DRV-Pflicht: Wer im Versorgungswerk versichert ist, kann sich von der gesetzlichen Rentenversicherungspflicht befreien lassen. KEZ-Zeiten werden dann ggf. bei der DRV trotzdem erfasst.
  • Höhere Beiträge = höhere Rente: Versorgungswerke funktionieren ähnlich wie die DRV, aber die Rentenleistung ist oft höher pro eingezahltem Euro.
  • Teilzeit-Effekt: Bei langjähriger Teilzeit oder Unterbrechungen sind die Ansprüche reduziert – aber nicht null. Jeder eingezahlte Euro zählt.
  • Hinterbliebenenversorgung: Die meisten Versorgungswerke bieten Witwen-/Waisenrenten, die bei der Planung berücksichtigt werden sollten.

Sofort-Maßnahme

Fordern Sie eine aktuelle Rentenauskunft bei Ihrem zuständigen Versorgungswerk an. Tragen Sie den voraussichtlichen monatlichen Netto-Betrag im Dashboard unter „Sonstige Netto-Rente pro Monat" ein. Typische Werte bei langer Teilzeit liegen zwischen 400 € und 1.200 € netto/Monat – je nach Beitragsjahren.

Im Dashboard: Feld „Sonstige Netto-Rente pro Monat" auf den Versorgungswerk-Wert setzen. Das verringert die benötigte Depot-Entnahme erheblich und erhöht die Robustheit deutlich.

KVdR und die 9/10-Regel: Warum Mütter hier oft profitieren

Der KV-Status im Ruhestand hat enormen Einfluss auf das verfügbare Netto. In der KVdR (Krankenversicherung der Rentner) zahlen Sie nur auf die gesetzliche Rente den halben Beitragssatz – nicht auf Kapitalerträge. In der freiwilligen GKV hingegen werden alle Einkünfte verbeitragt: Rente, Mieteinnahmen, Kapitalerträge, Versorgungsbezüge.

Die 9/10-Regel einfach erklärt

Um in die KVdR aufgenommen zu werden, müssen Sie in der zweiten Hälfte Ihres Erwerbslebens mindestens 90 % der Zeit gesetzlich krankenversichert gewesen sein. Kindererziehungszeiten (3 Jahre pro Kind) zählen dabei als Pflichtversicherungszeiten.

Rechenbeispiel für Ihre Situation

Erwerbsleben (angenommen ab 25 bis 67)42 Jahre
Zweite Hälfte (ab ca. 46 bis 67)21 Jahre
Davon 90 % = erforderliche GKV-Zeit18 Jahre + 11 Monate
KEZ anrechenbar: 6 Kinder × 3 Jahre18 Jahre
Fehlende GKV-Zeit nach KEZ-Anrechnung≈ 0–1 Jahr

Ergebnis: Mit 6 Kindern und den KEZ ist die 9/10-Regel in den meisten Fällen erfüllt – selbst wenn Sie zeitweise PKV-versichert waren.

Beitragssätze im Überblick (2025/2026)

Quellen: Finanztip (2025/2026), SGB V, BMG. Pflegebeitrag: 3,6 % (mit Kindern). Zusatzbeitrag: Ø 2,5 % (kassenindividuell).

Einkommensart KVdR Freiwillig GKV Bemerkung
DRV-Rente (gesetzl.) ~12,2 %
7,3 % KV + ~1,3 % ZB/2 + 3,6 % PV
~20,8 %
14,6 % + 2,5 % ZB + 3,6 % PV
RV trägt bei KVdR 50 % des allg. Beitrags + 50 % ZB
Versorgungsbezüge
(Versorgungswerk, Betriebsrente)
~20,8 %
Voller Satz!
~20,8 % In der KVdR kein Zuschuss auf Versorgungsbezüge. Freibetrag: 187,25 €/Monat (2025).
Kapitalerträge 0 % ~20,8 % KVdR: keine Beiträge auf Zinsen, Dividenden, ETF-Ausschüttungen
Mieteinnahmen 0 % ~20,8 % KVdR: keine Beiträge auf Mieteinnahmen
Beitragsbemessungsgrenze 5.512,50 €/Monat (2025) Max. beitragspflichtiges Einkommen

⚠ Wichtig: KVdR ≠ beitragsfrei auf alles außer DRV

Auch in der KVdR zahlen Sie auf Versorgungsbezüge (z. B. Versorgungswerk-Rente, Betriebsrenten) den vollen KV- und Pflegebeitrag (~20,8 %). Nur die DRV-Rente wird subventioniert (der Rentenversicherungsträger übernimmt die Hälfte).
Kapitalerträge und Mieteinnahmen bleiben in der KVdR beitragsfrei – ein enormer Vorteil bei einem Depot von 850.000 €.

KVdR

DRV-Rente: ~12,2 %. Versorgungsbezüge: ~20,8 %. Kapitalerträge: 0 %.

Günstigste Option bei großem Depot.

Freiwillig GKV

Beiträge auf alle Einkünfte: Rente, Kapitalerträge, Mieteinnahmen. ~20,8 % auf alles.

Kann bei 850k Depot-Entnahmen 300–500 €/Monat mehr kosten als KVdR.

PKV

Fester Monatsbeitrag, aber im Alter oft sehr teuer. Rückkehr in die GKV ab 55 nur sehr eingeschränkt möglich.

Beitrag im Alter oft 600–1.100 €/Monat

Pflegeversicherung (Stand 2025)

Mit Kindern: 3,6 % (ab 2 Kindern unter 25: Abschlag von 0,25 % pro Kind, min. 1,7 %).
Kinderlos ab 23: 4,2 %.
Bei 6 Kindern: 3,6 % − 5 × 0,25 % = 2,35 % (Minimum 1,7 %). Effektiver PV-Satz = 2,35 %.

Quelle: § 55 SGB XI; Finanztip Pflegeversicherung 2025.

Im Dashboard: Testen Sie den Unterschied: Setzen Sie KV-Modus auf „KVdR" und dann auf „Freiwillig GKV" – der Effekt auf die Erfolgsquote ist oft größer als der Unterschied zwischen Portfolio-Profilen.

Flexibler Renteneintritt und Frührentenabschlag

Sie arbeiten bis zum Rentenbeginn – aber wann genau die Rente beginnt, können Sie flexibel wählen. Die Regelaltersgrenze liegt bei 67 Jahren. Ein früherer Start ist ab 63 möglich, kostet aber dauerhaft Rente: 0,3 % Abschlag pro Monat vor dem 67. Geburtstag.

Frührentenabschlag – so wird gerechnet

RentenbeginnMonate früherAbschlagRente (bei 23 EP)
67 Jahre00,0 %≈ 938 €
66 Jahre12−3,6 %≈ 904 €
65 Jahre24−7,2 %≈ 870 €
64 Jahre36−10,8 %≈ 837 €
63 Jahre48−14,4 %≈ 803 €

Rechenweg: 23 EP × 40,79 € × (1 − Abschlag). Der Abschlag ist dauerhaft und lebenslang.

Wichtig zu wissen

  • Nur DRV-Rente betroffen: Der Abschlag gilt für die gesetzliche Rente (Entgeltpunkte). Die Versorgungswerk-Rente hat eigene Regeln und ist vom DRV-Abschlag nicht betroffen.
  • Dauerhaft: Der Abschlag wird nicht später aufgeholt – er gilt für jede künftige Rentenzahlung.
  • Früher Rente = länger Rente: Wer 4 Jahre früher startet, bekommt zwar weniger pro Monat, aber 48 Monate mehr Rentenzahlungen. Ob sich das lohnt, hängt von der Lebenserwartung und dem Depotverlauf ab.
  • Abschlag ausgleichen: Freiwillige Sonderzahlungen an die DRV können den Abschlag reduzieren – lohnt sich aber erst nach genauer Berechnung. → DRV: Sonderzahlungen

Im Dashboard: Unter „Rentenstart (Alter)" können Sie den Rentenbeginn zwischen 60 und 75 verschieben. Der Frührentenabschlag wird automatisch berechnet und in der Simulation berücksichtigt. Probieren Sie verschiedene Eintrittsalter – z. B. 65 vs. 67 – und vergleichen Sie den Effekt auf Ihr Vermögen.

Steuern bei Depot-Entnahmen: Nur der Gewinn wird besteuert

Ein häufiges Missverständnis: Bei einer Entnahme aus dem Depot wird nicht die gesamte Auszahlung besteuert, sondern nur der Gewinnanteil. Das senkt die effektive Steuerbelastung erheblich, besonders in den ersten Jahren.

Abgeltungsteuer auf einen Blick

  • Steuersatz: 25 % + Soli = 26,375 % auf den Gewinn (ggf. + Kirchensteuer).
  • Sparerpauschbetrag: 1.000 € pro Person/Jahr sind steuerfrei (2.000 € bei Verheirateten).
  • Teilfreistellung bei Aktienfonds: 30 % der Gewinne sind steuerfrei – effektiver Steuersatz sinkt auf ca. 18,5 %.
  • Teilfreistellung bei Immobilienfonds: 60 % steuerfrei (Inland) bzw. 80 % (Ausland).
  • FIFO-Prinzip: Zuerst werden die ältesten (und oft gewinnreichsten) Anteile verkauft. Bei Tranchen-Management kann man dies steuern.

Praxisbeispiel: Entnahme mit 850k Start

Entnahme im Jahr 133.600 € (2.800 €/M)
Gewinnanteil (geschätzt, wenn Depot frisch gekauft)≈ 5–10 %
Steuerpflichtiger Gewinn (bei 7,5 %)≈ 2.520 €
Abzgl. Sparerpauschbetrag– 1.000 €
Abzgl. Teilfreistellung (30 % bei Aktienfonds)– 456 €
Effektive Steuer im Jahr 1≈ 280 €

Der Gewinnanteil steigt mit den Jahren – nach 10–15 Jahren kann er bei 30–50 % liegen, was die Steuer dann spürbarer macht.

Pflege und Gesundheitskosten: Das unterschätzte Risiko

Pflegebedürftigkeit ist kein seltenes Ereignis: Rund 1/3 der über 80-Jährigen sind pflegebedürftig. Die gesetzliche Pflegeversicherung deckt nur einen Teil der Kosten. Der Rest – der Eigenanteil – kann schnell 2.000–3.500 € pro Monat betragen.

Ambulante Pflege

Eigenanteil: 500–1.500 €/Monat je nach Pflegegrad und Umfang. Oft günstiger, aber benötigt geeignete Wohnsituation.

Stationäre Pflege

Eigenanteil: 2.000–3.500 €/Monat. Einrichtungseinheitlicher Eigenanteil (EEE) + Investitionskosten + Verpflegung.

24-Stunden-Betreuung

2.500–5.000 €/Monat je nach Modell. Kombinierbar mit Pflegegeld und Verhinderungspflege.

Im Dashboard: Aktivieren Sie „Pflegekosten-Ereignis berücksichtigen" in den erweiterten Annahmen. Setzen Sie realistische Werte: Beginn ab 82–88, Kosten 2.000–3.000 €/Monat, Wahrscheinlichkeit 30–40 %. So sehen Sie, wie ein Pflegeereignis die langfristige Tragfähigkeit beeinflusst.

Inflation: Der stille Vermögensfresser über 35 Jahre

2.800 € heute haben in 20 Jahren bei 2,2 % Inflation nur noch die Kaufkraft von ca. 1.820 €. Über 35 Jahre (bis 95) sinkt die reale Kaufkraft auf ≈ 1.310 €. Deshalb ist der Erhalt der Kaufkraft die zentrale Aufgabe langfristiger Altersvorsorge.

Was 2.800 € heute in Zukunft wert sind

Heute

2.800 €

In 10 Jahren

2.243 €

In 20 Jahren

1.820 €

In 35 Jahren

1.310 €

Werte in heutiger Kaufkraft bei 2,2 % jährlicher Inflation. Deshalb braucht das Portfolio einen Wachstumsbaustein, der langfristig über der Inflation liegt.

Reihenfolgerisiko: Warum die ersten 5 Jahre entscheidend sind

In der Ansparphase ist die Reihenfolge guter und schlechter Jahre egal – das Endergebnis ist gleich. In der Entnahmephase ist es fundamental anders: Schlechte Börsenjahre zu Beginn zerstören überproportional viel Vermögen, weil Entnahmen aus gesunkenem Kapital erfolgen.

Beispiel: Gleiche Rendite, andere Reihenfolge

Szenario A: Erst 3 gute Jahre (+8 %), dann 2 schlechte (–15 %). Vermögen nach 5 Jahren bei Entnahme: ≈ 720.000 €

Szenario B: Erst 2 schlechte Jahre (–15 %), dann 3 gute (+8 %). Vermögen nach 5 Jahren bei Entnahme: ≈ 640.000 €

Gleicher Durchschnitt, 80.000 € Unterschied – nur wegen der Reihenfolge.

Schutzmaßnahmen

  • Liquiditätspuffer: 2–3 Jahre Ausgaben in Cash/Kurzläufern vorhalten.
  • Dynamische Entnahme (Guardrails): Bei Krise weniger entnehmen, bei Erholung wieder normalisieren.
  • Breite Diversifikation: Nicht alles in einer Anlageklasse.
  • Fat-Tail-Modell: Im Dashboard unter „Marktmodell" auf „Erweitert" setzen – das simuliert Krisen realistischer.

Den richtigen Berater finden: Honorar vs. Provision

Bei einem Vermögen von 850.000 € und komplexer Situation (5 Einkommensquellen, KVdR, Versorgungswerk, 6 Kinder) ist professionelle Beratung sinnvoll. Aber: Die Art der Vergütung bestimmt die Qualität der Empfehlung.

Honorarberater (empfohlen)

  • Vergütung: Stundensatz (150–350 €/h) oder Pauschal (2.000–5.000 € für Gesamtplan).
  • Vorteil: Keine Produktbindung. Empfiehlt kostengünstige ETFs statt teurer Versicherungsprodukte.
  • Für Sie relevant: Kann DRV-Kontenklärung begleiten, KVdR-Status prüfen, steueroptimale Entnahme planen.
  • Finden: BaFin-Vermittlerregister, Verbraucherzentrale, Netzwerk Finanzberater (BVFP).

Provisionsberater (mit Vorsicht)

  • Vergütung: Wird vom Produktanbieter bezahlt (Provision).
  • Risiko: Tendenz zu provisionsstärkeren Produkten (Lebensversicherungen, aktive Fonds, Zertifikate).
  • Kosten-Effekt: Bei 850k können Provisionsprodukte über 30 Jahre 100.000–200.000 € mehr kosten als einfache ETFs.
  • Warnsignale: Druck zu schnellem Abschluss, komplexe Produkte, keine Diskussion über Kosten.

Checkliste für das Beratungsgespräch

  • Haben Sie eine Zulassung als Honorar-Finanzanlagenberater (§ 34h GewO)?
  • Wie werden Sie vergütet?
  • Können Sie mit ETF-basierten Lösungen arbeiten?
  • Kennen Sie sich mit Versorgungswerken und der 9/10-Regel aus?
  • Erstellen Sie einen schriftlichen Finanzplan mit Szenarien?
  • Wie gehen Sie mit dem Reihenfolgerisiko in der Entnahmephase um?

Entnahmestrategien: Statisch vs. Dynamisch

Die Entnahmestrategie bestimmt, wie viel Sie sich pro Jahr auszahlen und wie flexibel der Plan auf Marktschwankungen reagiert.

Statische Entnahme (inflationsangepasst)

Sie entnehmen jedes Jahr denselben realen Betrag, unabhängig von der Depotwert-Entwicklung. Einfach, aber bei Krisen riskant.

Faustregel: 3,5–4 % Entnahmerate bei Horizont ab 30 Jahren, 4–4,5 % bei 20–25 Jahren.

Dynamische Entnahme (Guardrails)

Die Entnahme wird nach oben und unten begrenzt. Bei starkem Depot: leicht mehr. Bei schwachem Depot: etwas weniger. So überlebt der Plan Krisen besser.

Empfehlung: Guardrails bieten die beste Balance aus Sicherheit und Lebensqualität. Im Dashboard aktivieren und die Auswirkung auf die Erfolgsquote prüfen.

Portfolio im Ruhestand: Sicherheit und Wachstum vereinen

Im Ruhestand braucht das Portfolio zwei Aufgaben gleichzeitig: Stabilität für laufende Entnahmen und Wachstum zum Kaufkrafterhalt. Die Balance bestimmt, wie ruhig Sie schlafen und wie lange das Geld reicht.

Der Sicherheitsbaustein

  • Tagesgeld/Festgeld: 2–3 Jahre Lebenshaltungskosten (50.000–100.000 €). Sofort verfügbar, kein Kursrisiko.
  • Kurzlaufende Anleihen-ETFs: Stabiler als Aktien, leichter Zinsertrag. Puffer für Jahre, in denen Aktien schwach laufen.
  • Zweck: In Krisenzeiten hier entnehmen statt Aktien zu verkaufen („Selling into a loss").

Der Wachstumsbaustein

  • Breit gestreute Aktien-ETFs: z.B. MSCI World oder FTSE All-World. Historisch 7–8 % p.a. vor Inflation.
  • Immobilien-ETFs (REITs): Zusätzliche Diversifikation, teils höhere Ausschüttungen.
  • Zweck: Langfristig Kaufkraft erhalten und Depot „nachwachsen" lassen trotz Entnahmen.

Die vier Profile im Dashboard

ProfilAktienAnleihenCashImmoErwartung
Defensiv35 %45 %15 %5 %≈ 4,2 %
Ausgewogen55 %30 %10 %5 %≈ 5,3 %
Wachstum70 %20 %5 %5 %≈ 6,1 %
Immobilien-Mix40 %25 %10 %25 %≈ 4,8 %

Tipp: Vergleichen Sie im Dashboard alle Profile – die Profit-Vergleichstabelle zeigt Robustheit, nachhaltiges Budget und Vermögensverläufe nebeneinander.

Erbschaft und Nachfolge: 6 Kinder = hohe Freibeträge

Bei 6 Kindern gibt es einen steuerlichen Vorteil: Jedes Kind hat einen Freibetrag von 400.000 € (alle 10 Jahre). Zusammen: 2.400.000 € steuerfrei übertragbar. Bei 850.000 € Vermögen liegt alles deutlich unter diesem Freibetrag.

Erbschaftsteuer-Freibeträge

  • Ehepartner: 500.000 € Freibetrag
  • Pro Kind: 400.000 € Freibetrag
  • 6 Kinder: 6 × 400.000 € = 2.400.000 € Freibetrag
  • Gesamt mit Ehepartner: 2.900.000 € steuerfrei
  • Fazit: Bei 850k Vermögen ist Erbschaftsteuer kein Thema.

Trotzdem wichtig

  • Testament: Ohne Testament gilt gesetzliche Erbfolge – das kann zu Erbengemeinschaften führen, die Depot-Verwaltung und Immobilienverkauf blockieren.
  • Vorsorgevollmacht: Regelt, wer bei Krankheit/Pflege Bankgeschäfte erledigen darf. Ohne Vollmacht kann niemand auf Ihr Depot zugreifen.
  • Patientenverfügung: Medizinische Entscheidungen vorab regeln. Als Ärztin wissen Sie, wie wichtig das ist.

Fachbegriffe und Abkürzungen einfach erklärt

Private Altersvorsorge

Eigenes Vermögen, das zusätzlich zur gesetzlichen oder berufsständischen Rente den Lebensstandard sichern soll. Bei 850.000 € liquiden Mitteln ist dies die Hauptsäule der Ruhestandsfinanzierung.

Entnahmephase

Lebensabschnitt, in dem nicht mehr primär angespart wird, sondern monatlich Geld aus dem Vermögen entnommen wird. Beginnt bei Ihnen mit ca. 60 – der Rentenbeginn ist flexibel (z. B. 63–67).

Entgeltpunkte (EP)

Maßeinheit für Ihre Rentenansprüche bei der DRV. 1 EP = 1 Jahr Durchschnittsgehalt eingezahlt. Kindererziehungszeiten werden als EP gutgeschrieben (ca. 1 EP pro KEZ-Jahr). Aktueller Wert: 40,79 €/EP pro Monat.

Kindererziehungszeit (KEZ)

Die ersten 3 Lebensjahre eines ab 1992 geborenen Kindes werden als Pflichtbeitragszeit anerkannt. Pro Jahr gibt es ca. 1 Entgeltpunkt. Bei 6 Kindern: bis zu 18 Entgeltpunkte.

Versorgungswerk

Berufsständische Altersversorgung für Ärzte, Apotheker, Rechtsanwälte u.a. Funktioniert ähnlich wie die DRV, aber meist mit höherer Rente pro eingezahltem Euro.

Robustheit (Erfolgsquote)

Wie oft ein Plan in vielen simulierten Zukunftsverläufen bis zum Zielalter tragfähig bleibt. Ab 85 % gilt ein Plan als „robust", ab 95 % als „sehr sicher".

Netto und Brutto

Brutto ist vor Steuern/Abgaben, Netto ist der tatsächlich verfügbare Betrag pro Monat. Bei der Planung immer in Netto denken.

DRV und Kontenklärung

DRV = Deutsche Rentenversicherung. Kontenklärung bedeutet: Rentenzeiten und Kindererziehungszeiten verbindlich prüfen lassen. Ohne Klärung fehlen oft Jahre – die Rente fällt dann zu niedrig aus. → DRV eService

Frührentenabschlag

Wer vor der Regelaltersgrenze (67) in Rente geht, erhält dauerhaft weniger gesetzliche Rente: 0,3 % pro Monat vor dem 67. Geburtstag. Bei 4 Jahren früher (mit 63): 14,4 % Abschlag. Gilt nur für die DRV-Rente, nicht für das Versorgungswerk. → Ausführliche Erklärung

Mütterrente III (ab 2027)

Ab 2027 werden für vor 1992 geborene Kinder nun volle 3 Jahre KEZ anerkannt (statt bisher 2,5 Jahre = Mütterrente II). Das bedeutet +0,5 EP pro Kind. Bei 6 Kindern vor 1992: +3,0 EP ≈ +122 € Bruttorente/Monat. Die Anrechnung erfolgt automatisch, kein Antrag nötig. Auszahlung ab 2028. → DRV: Mütterrente III

KVdR, GKV, PKV

KVdR = Krankenversicherung der Rentner (günstigste Option), GKV = Gesetzliche Krankenversicherung, PKV = Private Krankenversicherung. Bei 6 Kindern ist die KVdR-Berechtigung durch die 9/10-Regel sehr wahrscheinlich. → BMG: 9/10-Regel

9/10-Regel

Voraussetzung für die KVdR: In der zweiten Hälfte des Erwerbslebens müssen ≥ 90 % der Zeit als GKV-Pflichtversicherungszeit nachgewiesen werden. Kindererziehungszeiten zählen dabei voll mit.

Abgeltungsteuer und Teilfreistellung

Pauschalsteuer von 26,375 % auf Kapitalgewinne. Bei Aktienfonds sind 30 % der Gewinne freigestellt (effektiv ≈ 18,5 %). Sparerpauschbetrag: 1.000 €/Person/Jahr steuerfrei.

Portfolio und Allokation

Portfolio = Gesamtheit der Anlagen. Allokation = Verteilung auf Anlageklassen. Im Ruhestand: Balance zwischen Sicherheit (Anleihen, Cash) und Wachstum (Aktien).

Sicherheits- und Wachstumsbaustein

Sicherheitsbaustein (Cash, Kurzläufer, Anleihen) stabilisiert Entnahmen in Krisen. Wachstumsbaustein (Aktien-ETFs) schützt langfristig vor Kaufkraftverlust durch Inflation.

ETF und REIT

ETF ist ein börsengehandelter Fonds, der einen Index nachbildet (z. B. MSCI World). REIT ist ein börsennotierter Immobilienfonds. Beide sind kostengünstig und breit diversifiziert.

Volatilität und Marktkrise

Volatilität ist die Schwankungsstärke. Hohe Schwankungen sind im Ruhestand besonders relevant, weil gleichzeitig Entnahmen stattfinden (Reihenfolgerisiko).

Monte-Carlo-Simulation

Statt eines einzigen „Durchschnittsszenarios" werden 10.000 unabhängige Zukunftspfade simuliert. Jeder Pfad zieht pro Jahr zufällige Marktrenditen, Inflationsraten und ggf. Pflegeereignisse.

Renditeverteilung: Im Standard-Modell normalverteilt (GBM), im erweiterten Modell (Fat Tails) über eine Student-t-Verteilung mit df = 5, skaliert auf identische Varianz. Das erzeugt schwerere Ränder (ca. 6× häufiger Extremjahre jenseits ±3σ als bei Gauß).

Korrelationsstruktur: Multivariate Renditen werden über eine Cholesky-Zerlegung der Korrelationsmatrix erzeugt. Aktien-Anleihen: ρ = 0,20; Aktien-Immobilien: ρ = 0,70.

Regimewechsel (Markov): Zwei Zustände (Bull/Bear) mit p(Bull→Bull) = 86 %, p(Bear→Bear) = 60 %. Im Bull-Regime: Renditeaufschlag; im Bear-Regime: Renditeabschlag. Zusätzlich 5 %-Crash-Wahrscheinlichkeit pro Jahr.

Kalibrierung: Forward-looking (nicht rein historisch). Quellen: Vanguard VCMM 2025, JP Morgan LTCMA 2025, BlackRock Capital Market Assumptions 2025, DMS Yearbook 2024, CAPE-adjustierte Aktienrenditen.

AssetklasseRendite (μ)Volatilität (σ)Grundlage
Aktien (MSCI World)7,0 %16,5 %Vanguard VCMM 2025, DMS 2024, CAPE-adj.
Anleihen (€ Aggregat)3,2 %5,0 %JPMAM LTCMA 2025, BlackRock 2025
Liquidität / Cash2,5 %0,5 %EZB Neutralzins, Bloomberg 3M
Immobilienfonds / REITs6,5 %18,0 %FTSE EPRA/NAREIT, JPMAM 2025

Vgl. Pfau (2018), Kitces & Bengen (2012), Blanchett et al. (2013). Detailliert: → Methodik-Abschnitt

P10, P50, P90 – Perzentile erklärt

Die Perzentile werden pro Altersjahr über alle 10.000 simulierten Vermögenspfade berechnet – als Querschnitts-Perzentile der Verteilung W(t):

Pk(t) = inf { w : FW(t)(w) ≥ k/100 }

P50 (Median): 50 % aller Pfade liegen darüber, 50 % darunter. Robuster Lageparameter, unempfindlich gegen Ausreißer.

P10: Nur 10 % der Pfade liegen darunter – „schlechtes Szenario". Wenn P10 vor dem Lebensende auf 0 fällt, ist die Strategie riskant.

P90: Nur 10 % liegen darüber – „günstiges Szenario". Zeigt das Aufwärtspotenzial.

P10–P90-Band: Enthält 80 % der Pfade. Die Breite misst Unsicherheit.

Hinweis: Perzentile beschreiben Modell-Unsicherheit, nicht Prognosen. Modellrisiko und Black-Swan-Events liegen per Definition außerhalb des Modells.

Guardrails (Entnahmekorridor)

Dynamische Entnahmeregel: Wenn die Entnahmerate relativ zum Vermögen zu hoch wird, wird die Entnahme gesenkt. Wenn sie zu niedrig ist, kann sie leicht erhöht werden. Schützt vor Kapitalverzehr in Krisen.

Sequence-of-Returns-Risk (Reihenfolgerisiko)

Die Reihenfolge guter und schlechter Börsenjahre ist in der Entnahmephase entscheidend. Schlechte Jahre zu Beginn wirken sich viel stärker aus als schlechte Jahre am Ende.

Statistische Methodik der Monte-Carlo-Simulation

Dieser Abschnitt dokumentiert das stochastische Modell hinter dem Dashboard – für statistisch interessierte Nutzer, die die Annahmen, Verteilungen und Limitationen nachvollziehen möchten.

1. Modellüberblick

Das Dashboard simuliert N = 10.000 unabhängige Zukunftspfade des Gesamtvermögens über T Jahre (typisch 35–45 Jahre, vom aktuellen Alter bis zum Zielalter). Jeder Pfad erzeugt pro Jahr:

  1. Einen multivariaten Renditevektor rt ∈ ℝ4 (Aktien, Anleihen, Cash, Immobilien)
  2. Einen Inflationsschock πt
  3. Deterministisch: Renten, Entnahmen, Steuern, Sozialabgaben

Das Vermögen Wt+1 ergibt sich rekursiv:

Wt+1 = Wt · (1 + rp,t) − Entnahmet + Rentent − Steuernt − Sozialabgabent

wobei rp,t = Σ wi · ri,t die gewichtete Portfoliorendite ist.

2. Renditeverteilung

Das Dashboard unterstützt zwei Modelle:

a) GBM-Modell (Standard-Normal): Renditen sind i.i.d. normalverteilt:

ri,t ~ N(μi, σi²)

Einfach, aber unterschätzt Extremereignisse systematisch.

b) Fat-Tail-Modell (Voreinstellung): Student-t mit df = 5, varianz-normalisiert:

zt ~ t(5) / √(5/3)

Die Division durch √(df/(df−2)) = √(5/3) stellt sicher, dass Var(z) = 1, damit die Parametrisierung μ, σ weiterhin direkt interpretierbar bleibt. Im Vergleich zur Normalverteilung produziert t(5) ca. 6× mehr Extremjahre jenseits ±3σ (Kurtosis = 9 statt 3).

Begründung: Fama & French (1993), Cont (2001) – empirische Aktienrenditen zeigen Exzess-Kurtosis von 5–15.

3. Korrelationsstruktur

Die vier Asset-Klassen werden mit einer festen Korrelationsmatrix Σ verknüpft. Multivariate Renditen entstehen via Cholesky-Zerlegung:

Σ = L · LT, dann r = μ + L · z

wobei z ein Vektor unabhängiger Standard-Random-Variablen ist (Normal oder t(5)).

ρAktienAnleihenCashImmobilien
Aktien1,000,200,050,70
Anleihen0,201,000,650,15
Cash0,050,651,000,05
Immobilien0,700,150,051,00

Quellen: Aktien-Anleihen ρ ≈ 0,2 basiert auf Post-2000-Durchschnitt (in Hochinflationsphasen kann ρ positiver werden). Aktien-Immobilien ρ ≈ 0,70 reflektiert REITs' hohe Aktienmarktkorrelation (JPMAM/BlackRock CMAs 2025). Anleihen-Cash ρ = 0,65 (post-2022 Zinsregime, Bloomberg).

Limitation: Konstante Korrelationen – in Krisen steigen Korrelationen typischerweise (Longin & Solnik, 2001). Das Crash-Overlay kompensiert diesen Effekt teilweise.

4. Markov-Regimewechsel

Das Fat-Tail-Modell enthält einen 2-Zustands-Markov-Prozess (Bull / Bear) mit Übergangsmatrix:

Von \ NachBullBear
Bull0,860,14
Bear0,400,60

Regime-Effekt: Im Bull-Regime wird der Rendite-Drift um einen positiven Aufschlag adjustiert, im Bear-Regime um einen negativen. Die Adjustierung ist pro-Asset kalibriert (Aktien stärker betroffen als Cash).

Stationäre Verteilung: π(Bull) ≈ 74 %, π(Bear) ≈ 26 %. Mittlere Verweildauer: Bull ≈ 7,1 Jahre, Bear ≈ 2,5 Jahre.

Begründung: Hamilton (1989) Regime-Switching-Modell, kalibriert nach Guidolin & Timmermann (2006). Die Persistenz-Parameter (0,86 / 0,60) sind an historische NBER-Zykluslängen angelehnt.

5. Crash-Overlay

Zusätzlich zum Regimewechsel gibt es eine unabhängige 5-%-Crash-Wahrscheinlichkeit pro Jahr (≈ 1 Crash alle 20 Jahre). Bei Eintritt wird die Portfoliorendite stark negativ verschoben.

Diese Mekanik modelliert seltene, exogene Schocks (Pandemie, Finanzkrise, geopolitischer Schock), die nicht durch das Regime-Modell allein abgebildet werden.

Rendite-Clipping: Alle Einzeljahresrenditen werden auf [−90 %, +110 %] begrenzt, um numerische Artefakte zu vermeiden.

Historische Kalibrierung: Seit 1929 gab es 5 schwere Marktkrisen mit >30 % Drawdown (1929, 1973, 2000, 2008, 2020) über ~95 Jahre ≈ 5,3 % p.a. Frequenz.

6. Asset-Parameter (μ und σ)

Die Parameter sind forward-looking, nicht rein historisch. Rein historische Mittelwerte (z. B. Aktien 9–10 % p.a.) enthalten Survivorship-Bias und überbewerten vergangene Bewertungsexpansion.

Klasseμ (nominal)σKalibrierungsquelle
Aktien (Global)7,0 %16,5 %Vanguard VCMM 2025, DMS Yearbook 2024, CAPE-adj.
Anleihen (€ Agg.)3,2 %5,0 %JPMAM LTCMA 2025, BlackRock 2025, Bloomberg Euro-Aggregate
Cash / Geldmarkt2,5 %0,5 %EZB-Neutralzins, Bloomberg 3M Euribor Vol
Immobilien (REITs)6,5 %18,0 %FTSE EPRA/NAREIT, JPMAM LTCMA 2025

Wichtige Unterscheidung: μ ≠ σ

μ (Rendite) ist die erwartete jährliche Wertsteigerung. σ (Volatilität, Risiko) ist die Standardabweichung – sie misst, wie stark die tatsächliche Rendite um μ schwankt. 16,5 % Volatilität bei Aktien bedeutet: In ~68 % der Jahre liegt die Rendite zwischen −9,5 % und +23,5 % (μ ± 1σ).

7. Inflationsmodell

Die Inflation wird als unabhängiger stochastischer Prozess modelliert:

πt ~ N(2,2 %, 1,0 %)

Die Kaufkraft-Entwertung wird kumulativ auf das Vermögen und die Ausgaben angewendet. Die Netto-Charts zeigen reale (inflationsbereinigte) Werte.

Quelle: EZB-Inflationsziel 2 %, empirischer Durchschnitt Eurozone 2000–2024: 2,1 %. Die 1 %-Standardabweichung bildet normale Schwankungsbandbreiten ab (nicht Hyperinflation).

8. Perzentile: Was genau zeigt das Chart?

Für jedes Alter t werden die 10.000 Vermögenswerte {W1(t), …, W10000(t)} als Querschnitts-Verteilung betrachtet. Daraus werden drei Quantile extrahiert:

Pk(t) = inf { w : F̂W(t)(w) ≥ k/100 }

wobei F̂ die empirische Verteilungsfunktion ist (numpy.percentile mit linearer Interpolation).

PerzentilBedeutungInterpretation für die Planung
P1090 % aller Pfade liegen darüber„Planen Sie hiermit" – wenn P10 > 0 bis zum Zielalter, ist der Plan auch im Stress-Szenario tragfähig
P50Median – 50 % darüber, 50 % darunterRobuster Lageparameter; unempfindlich gegen Ausreißer
P90Nur 10 % aller Pfade liegen darüber„Günstigstes realistisches Szenario" – nicht als Planungsgrundlage verwenden

P10–P90-Band: Enthält 80 % der simulierten Pfade. Die Bandbreite wächst über die Zeit – das ist keine Modellschwäche, sondern unvermeidliche Konsequenz kumulativer Unsicherheit über Jahrzehnte.

9. Konvergenz und Stichprobengröße

Bei N = 10.000 Pfaden beträgt der Monte-Carlo-Standardfehler des Medians:

SE(P50) ≈ 1 / (2 · f(median) · √N)

Für typische Vermögensverteilungen liegt SE(P50) bei < 0,5 % des Medianwerts. Die Perzentile P10 und P90 haben höhere SE (ca. 2–3×), sind aber für Planungszwecke ausreichend stabil.

Der Seed (42) ist fixiert, sodass identische Eingaben identische Ergebnisse liefern (Reproduzierbarkeit). Bei Änderung eines Parameters ändert sich das Ergebnis kausal, nicht durch Monte-Carlo-Rauschen.

10. Modell-Limitationen

Kein Modell bildet die Realität vollständig ab. Die wichtigsten bekannten Limitationen:

  • Konstante Parameter: μ und σ sind zeitinvariant. In der Realität schwanken erwartete Renditen (z. B. mit CAPE, Zinsniveau).
  • Konstante Korrelationen: In Krisen steigen Korrelationen typischerweise an (Longin & Solnik, 2001). Das Crash-Overlay kompensiert teilweise.
  • Kein Rebalancing-Drag: Jährliches Rebalancing wird implizit angenommen, aber Transaktionskosten werden nicht modelliert.
  • Steuerrecht als Snapshot: Steuerrecht 2025/2026 ist eingefroren. Zukünftige Steueränderungen sind nicht modellierbar.
  • Kein Modellrisiko: Die Perzentile beschreiben Unsicherheit innerhalb des Modells. Black-Swan-Events jenseits des Modells (Währungsreform, Systemkrise) sind per Definition nicht enthalten.
  • Keine Mean-Reversion: Das Modell enthält keine langfristige Rückkehr zum Mittel bei Aktien – dies ist akademisch umstritten (Fama & French vs. Poterba & Summers).
11. Akademische Referenzen
  • Bengen, W. (1994). „Determining Withdrawal Rates Using Historical Data." Journal of Financial Planning.
  • Blanchett, D., Finke, M. & Pfau, W. (2013). „Low Bond Yields and Safe Portfolio Withdrawal Rates." SSRN Working Paper.
  • Cont, R. (2001). „Empirical Properties of Asset Returns: Stylized Facts and Statistical Issues." Quantitative Finance, 1(2), 223–236.
  • Dimson, E., Marsh, P. & Staunton, M. (2002). Triumph of the Optimists: 101 Years of Global Investment Returns. Princeton UP.
  • Fama, E. & French, K. (1993). „Common Risk Factors in Stock and Bond Returns." JFE, 33(1), 3–56.
  • Hamilton, J. (1989). „A New Approach to the Economic Analysis of Nonstationary Time Series." Econometrica, 57(2), 357–384.
  • Kitces, M. & Bengen, W. (2012). Research on Sustainable Withdrawal Rates. Nerd's Eye View.
  • Longin, F. & Solnik, B. (2001). „Extreme Correlation of International Equity Markets." Journal of Finance, 56(2), 649–676.
  • Pfau, W. (2018). How Much Can I Spend in Retirement? Retirement Researcher Media.
  • Vanguard (2024). Vanguard Capital Markets Model: Long-Run Return Forecasts.

FAQ: Häufige Fragen in klarer Sprache

Ist das hier eine Anlageberatung?

Nein. Das Tool ist eine strukturierte Rechen- und Entscheidungshilfe. Es zeigt Auswirkungen von Annahmen, ersetzt aber keine individuelle Steuer- oder Rechtsberatung. Nutzen Sie die Ergebnisse als Gesprächsgrundlage mit einem Honorarberater.

Warum sind DRV-Kontenklärung und KV-Status so wichtig?

Weil diese beiden Punkte direkt das verfügbare Monatsnetto prägen. Ein falscher KV-Status kann die Planung über 30 Jahre um 100.000–200.000 € verfälschen. Bei 6 Kindern ist die Kontenklärung besonders wichtig, weil die KEZ korrekt erfasst sein müssen.

Reichen 850.000 € für einen sicheren Ruhestand?

Das hängt von Lebenshaltungskosten, Rentenhöhe, KV-Status und Anlagestrategie ab. Mit realistischen Annahmen (Soll-Budget 2.800 €, KVdR, ausgewogenes Portfolio) liegt die Erfolgsquote typischerweise zwischen 80–95 % bis Alter 95. Das Dashboard zeigt Ihnen die exakte Auswirkung jeder Stellschraube.

Sollte ich das Geld sofort komplett investieren?

Nicht unbedingt. Ein häufiger Ansatz: 2–3 Jahre Lebenshaltungskosten als Liquiditätspuffer in Cash/Tagesgeld, den Rest in ein breit diversifiziertes Depot. Der genaue Split hängt von Ihrer Risikotoleranz ab. Im Dashboard können Sie verschiedene Portfolio-Profile vergleichen.

Was bedeuten P10, P50 und P90 einfach gesagt?

Das sind drei typische Verlaufslinien aus vielen simulierten Zukunftspfaden: P10 eher schwach, P50 mittig, P90 eher stark. Sie zeigen Unsicherheit statt falscher Genauigkeit. Planen Sie mit P10/P50 – P90 ist der „Glücksfall".

Warum sinkt das robuste Monatsbudget bei hoher Vorab-Ausgabe?

Weniger Startkapital bedeutet weniger Ertragsbasis und weniger Zinseszinseffekt. Zusätzlich reduziert sich der Puffer für Krisenjahre. Die „Kapital-Impact-Tabelle" im Dashboard zeigt den Effekt in 50.000-€-Schritten – so wird die Entscheidung über große Ausgaben transparent.

Wie nutze ich das Dashboard am einfachsten?

Schritt 1: „Empfohlene Ausgangswerte laden". Schritt 2: DRV-Status und KV-Modus einstellen. Schritt 3: „Szenarien berechnen". Schritt 4: Nur einen Parameter ändern und neu berechnen – so sehen Sie Ursache und Wirkung klar.

Was ist wichtiger: Portfolio-Rendite oder niedrige Kosten?

In der Entnahmephase sind niedrige Kosten wichtiger als hohe Rendite. 1 % Gebühren pro Jahr kosten über 30 Jahre bei 850k ca. 150.000–250.000 €. Deshalb empfehlen sich kostengünstige ETFs (TER 0,1–0,3 %) statt aktiv verwalteter Fonds.

Brauche ich eine Pflegezusatzversicherung?

Bei 850k Vermögen ist eine Pflegezusatzversicherung oft nicht rentabel – Sie können das Risiko aus dem Depot selbst tragen. Aktivieren Sie im Dashboard das Pflege-Modul und prüfen Sie die Auswirkung. Für die meisten Szenarien bleibt der Plan auch mit Pflege-Schock robust.

Was muss ich als Ärztin zum Versorgungswerk wissen?

Ihr Versorgungswerk-Anspruch ist wahrscheinlich Ihre größte Einzelrente. Fordern Sie eine aktuelle Renteninformation an und tragen Sie den Nettobetrag im Dashboard unter „Sonstige Netto-Rente" ein. Beachten Sie: Versorgungswerk und DRV sind unabhängig voneinander – beide Ansprüche stehen Ihnen zu.